Es riecht nach frischem Holz. In der Scheune wird gehämmert, im Garten geerntet, in der Küche das Mittagessen vorbereitet. Was aussieht wie ein ganz normaler Arbeitstag auf einem Bauernhof, ist für viele junge Menschen weit mehr als das: ein Neuanfang.
In der Grafschafter Jugendwerkstatt der ABZ Arbeit Bildung Zukunft GmbH in Nordhorn finden Jugendliche und junge Erwachsene einen Ort, an dem sie sich ausprobieren, neue Fähigkeiten entdecken und Vertrauen in die eigenen Stärken entwickeln können. Viele kommen direkt von der Schule, ohne Arbeitserfahrung oder Ausbildung, einige haben traumatische Erfahrungen gemacht, einige sind süchtig. Sie alle eint: Sie wissen nicht, wie es für sie weitergehen soll.
Seit 2015 haben das Jobcenter und das Jugendamt der Jugendwerkstatt insgesamt 537 junge Menschen zugewiesen, 495 von ihnen haben aktiv am Angebot teilgenommen. Das Durchschnittsalter liegt bei knapp 20 Jahren, mehr als drei Viertel der Teilnehmenden sind jünger als 21 Jahre.
Lernen mit den Händen
Das Besondere an der Jugendwerkstatt ist ihr Standort. Statt Unterrichtsräumen oder Werkhallen prägt ein Bauernhof den Alltag.
Die Jugendlichen renovieren Gebäude, arbeiten mit Holz, übernehmen Maler- und Maurerarbeiten, kümmern sich um Gartenflächen und Tiere oder sammeln Erfahrungen in der Hauswirtschaft. Aus einem Beet entsteht eine Ernte, aus Brettern ein neues Möbelstück, aus einer Idee ein sichtbares Ergebnis.
Genau darin liegt die besondere Kraft dieses Ortes. Erfolg ist mit den Händen zu greifen, unmittelbar da. Wer erlebt, dass eine Aufgabe gelingt, entdeckt oft mehr als nur handwerkliche Fähigkeiten. Viele gewinnen Selbstvertrauen, entwickeln Ausdauer und erleben, dass sie Verantwortung übernehmen können.
Der Bauernhof bietet dafür bewusst einen geschützten Rahmen. Feste Bezugspersonen, überschaubare Gruppen und praktische Tätigkeiten schaffen eine Atmosphäre, in der Entwicklung möglich wird.
Eine Pause, bis es wieder weitergeht
Die Mitarbeitenden sprechen gern von einer „Pause im System“. Gemeint ist keine Auszeit vom Lernen, sondern die Chance, zunächst zur Ruhe zu kommen und die nächsten Schritte neu zu sortieren.
„Die Jugendlichen bekommen bei uns eine Neuorientierung, eine Tagesstruktur und eine sinnvolle Arbeit in Gemeinschaft“, sagt Leiterin Laura Freising.
Für manche beginnt dieser neue Weg mit etwas, das selbstverständlich klingt, aber oft lange nicht gelungen ist: morgens aufzustehen, regelmäßig an einem Ort zu sein und Teil einer Gemeinschaft zu werden. Gemeinsam mit den pädagogischen Fachkräften entwickeln die Jugendlichen Perspektiven für Schule, Ausbildung, Weiterbildung oder den Einstieg ins Berufsleben.
Die Herausforderungen sind größer geworden
Die Zahlen zeigen, wie anspruchsvoll diese Aufgabe ist.
94 Prozent der Teilnehmenden verfügen über keine oder nur geringe Berufs- und Arbeitserfahrung. 70 Prozent weisen Defizite im Bereich sozialer Kompetenzen auf, 65 Prozent leiden unter psychischen Belastungen. Hinzu kommen Lernschwierigkeiten oder gesundheitliche Einschränkungen.
Tatsächlich hat sich die Zielgruppe in den vergangenen Jahren spürbar verändert. Während früher häufiger schulische oder berufliche Schwierigkeiten im Vordergrund standen, begleiten die Mitarbeitenden heute zunehmend junge Menschen mit Ängsten, psychischen Erkrankungen oder anderen komplexen Belastungen. Umso wichtiger wird die individuelle Begleitung.
„Die Herausforderungen sind in den vergangenen Jahren deutlich komplexer geworden. Viele junge Menschen kommen heute mit psychischen Belastungen zu uns. Umso wichtiger sind Zeit, Verlässlichkeit und die Möglichkeit, wieder Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu gewinnen.“ Ulrich Abel, Geschäftsführer abz Arbeit-Bildung-Zukunft GmbH
Wenn Unterstützung nicht am Hoftor endet
Die Arbeit der Jugendwerkstatt endet deshalb nicht mit Feierabend.
Rund 60 Prozent der Jugendlichen werden zusätzlich aufsuchend begleitet. Wenn Termine verpasst werden, Krisen auftreten oder die Motivation schwindet, bleiben die Mitarbeitenden in Kontakt. Sie telefonieren, schreiben Nachrichten oder besuchen die Jugendlichen zu Hause.
Es geht dabei nicht um Kontrolle, sondern um Verlässlichkeit. Die Erfahrung, dass jemand nachfragt und dranbleibt, ist für viele junge Menschen alles andere als selbstverständlich. Oft entsteht genau dadurch das Vertrauen, das notwendig ist, um den nächsten Schritt zu wagen.
Jeder Schritt zählt
Dieser nächste Schritt sieht nicht für alle gleich aus.
Für manche führt er in eine Ausbildung, für andere zurück in die Schule oder zunächst in eine Weiterbildung. Wieder andere beginnen eine therapeutische oder medizinische Maßnahme, die erst die Grundlage für alles Weitere schafft.
Die Ergebnisse zeigen, dass die intensive Begleitung wirkt: 51 Prozent der Teilnehmenden wechseln nach ihrer Zeit in der Jugendwerkstatt in Ausbildung, Schule, Weiterbildung oder Arbeit. Weitere 13 Prozent können in Reha- oder Therapiemaßnahmen vermittelt werden, einige gehen in Mutterschutz, einige bleiben unvermittelt.
Solche Entwicklungen brauchen Zeit, Fachwissen und intensive Begleitung. Die Förderung durch das Land Niedersachsen und den Europäischen Sozialfonds Plus schafft dafür die Grundlage.
Solche Entwicklungen brauchen Zeit, Fachwissen und intensive Begleitung. Die Förderung durch das Land Niedersachsen und den Europäischen Sozialfonds Plus schafft dafür die Grundlage.
Sie ermöglicht nicht nur Qualifizierungsangebote und praktische Lernorte, sondern vor allem die individuelle Unterstützung, die viele junge Menschen benötigen, um ihren Weg zu finden.
Oder anders gesagt: Hinter jeder Statistik steht ein Mensch. Jemand, der wieder Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten gewinnt. Jemand, der Verantwortung übernimmt. Und jemand, der nach einer schwierigen Phase wieder nach vorne blickt.
Manchmal beginnt dieser Weg auf einem Bauernhof in Nordhorn. Mit einem Stück Holz, einem Beet voller Gemüse oder einer Aufgabe, die zunächst klein erscheint. Aus ihr kann etwas Größeres entstehen: eine neue Perspektive.
3 Fragen an Ulrich Abel, Geschäftsführer
Herr Abel, wie erfolgreich ist die Jugendwerkstatt bei der Vermittlung junger Menschen?
Knapp die Hälfte unserer Teilnehmenden erreicht eine Ausbildung, Arbeit oder eine andere passende Anschlussperspektive. Weitere 25 Prozent vermitteln wir in unterstützende Hilfen. Angesichts der oft schwierigen Ausgangslagen ist das ein gutes Ergebnis.
Beobachten Sie Veränderungen bei den Jugendlichen, die zu Ihnen kommen?
Ja. Wir erleben zunehmend junge Menschen mit psychischen oder gesundheitlichen Belastungen. Deshalb führt der Weg heute häufiger zunächst in eine Reha-Maßnahme oder andere Unterstützung als direkt in Ausbildung oder Arbeit. Unsere Aufgabe ist es, diese Perspektiven zu erkennen und gemeinsam mit den Jugendlichen die richtigen nächsten Schritte einzuleiten.
Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit der NBank?
Die Zusammenarbeit ist vertrauensvoll, unkompliziert und lösungsorientiert. Wir wissen die NBank als verlässliche Partnerin an unserer Seite sehr zu schätzen.